1. Zwischenstand

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Nach Sammeln der realweltlichen Inputs geht es in die erste formale Übersetzung. Es entstehen erste grobe Skizzen und grafische Ansätze, ohne dass bereits „eine Richtung“ festgezurrt wird. Der Fokus liegt bewusst auf Geschwindigkeit und Offenheit, als Test, welche Aspekte des Ortes und der gesammelten Eindrücke sich im Entwurf überhaupt von selbst nach vorne drängen.

Als Erstes, bereits vor Ort, sind mir die aufwändig verzierten Grabplatten ins Auge gefallen. Nicht nur bloß wegen ihrer Handwerkskunst, sondern auch weil sich damals die Steinmetze bereits eine Art »Layout« erdacht haben, eine wiederkehrende Struktur, die sie bei der Herstellung befolgten. Sie ordneten die Inschriften entlang der Außenkante des Steins wie ein Band. Auch die verschiedenen Arten von zeitgenössischen gebrochenen Schriften, die sie für die Inschriften verwendeten, waren ein spannendes Detail.

Ich übernahm dieses »Layout« in die ersten Entwürfe und probierte, wie man dies in einen modernen, digitalen Kontext setzen könnte in Bezug auf die Veranstaltung. Die Idee zum möglichen Veranstaltungsnamen »Annex« entstand während der historischen Recherche zum Gebäude. Dort ist öfter die Rede von Annexen (architektonischen Anbauten), die dem Kloster in seiner bewegten baulichen Geschichte hinzugefügt und auf verschiedenen Wegen wieder abhandengekommen sind. Die Veranstaltung selber könnte hierbei für eine Art Annex stehen, einen neuen symbolischen Anbau, Richtung Zukunft.

Kaum zu übersehen ist auch das gotische Maßwerkfenster am südlichen Ende des Westflügels. In diesem wurde eine ganz bestimmte geometrische Form genutzt, die aus drei sich gleich überschneidenden Kreisen besteht. Der Dreipass.

Das Konstruieren und Spielen mit dieser Form war sehr spannend, doch war mir dieser Ansatz schnell zu eindimensional, im Sinne, dass der Dreipass schon als Symbol für eine ganz bestimmte Zeitepoche gesehen werden kann und so auch nur ein geschichtliches Element in dem Gebäudekomplex ausmacht.

Eine ganz besondere Auffälligkeit an dem Gebäudekomplex des Klosters ist die architektonische Offenlegung von vergangenen Umbauten und Zuständen. Über die vielen Jahre und Nutzungszwecke wurden Gebäudeteile abgebaut, abgerissen, niedergebrannt, erweitert, modernisiert und stilistisch angepasst. Etagen wurden eingezogen und aufgesetzt, erhöht und abgesenkt, neu aufgeteilt und eingerissen. Das alles hat deutliche Spuren hinterlassen und bei der Restaurierung um 2004 wurde all dies nicht glattgebügelt, sondern jede wurde gleichermaßen zur Schau gestellt. Das Ergebnis ist eine Fassade mit Bauteilen, die überformen, angrenzen und aufteilen. Ein Bild, das auf den ersten Blick völlig zufällig und unlogisch wirkt, doch auf dem zweiten eine Geschichte erzählt.

In diesem Zusammenspiel aus Strukturen sah ich eine starke Referenz zum stetigen Wandel kontemporärer Kultur. Das Ausloten, Remixen, Neuformen und Durchkreuzen von Ist-Zuständen. Fortschritt hinterlässt Spuren: Hier waren wir mal, hier sind wir jetzt. Was passiert dazwischen?

Die beiden Flügel des Hauptgebäudes, in denen sich heute die Veranstaltungsräume befinden, stehen im rechten Winkel, nahezu perfekt auf Nord- und Südachse zueinander. An ihrer gemeinsamen Ecke wurden sie durch ein monolithisches Treppenhaus miteinander verbunden. Ein Kontrast zwischen neu und alt schafft Verbindung, ein Überschneidungspunkt in der Süd-West-Verbindung. In den gelehrten Schriften des Mittelalters wurden die Himmelsrichtungen in lateinischer Sprache bezeichnet: meridies (ME) = Mittag = Süden und occidens (OC) = Untergang = Westen.

Diesen Strahlenkranz im Fassadenschmuck an der Innenhofseite des Westflügels fand ich von seiner Formgebung her spannend. Die Abstraktion war mir im ersten Versuch aber noch zu grob und weit entfernt gewesen. Im weiteren Verlauf habe ich diesen Ansatz nicht weiter ausgearbeitet.

In einer Veröffentlichung über das Projekt »Regionale 2004«, in dessen Zuge das Kloster Gravenhorst restauriert wurde, wird über die zuvor stattgefundenen archäologischen Ausgrabungen berichtet. Bei diesen Ausgrabungen wurde unter anderem eine Bodenfliese aus dem Ende des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts gefunden. Auf dieser ist mit tiefen Rillen eine Darstellung eines Fabeltiers, vermutlich das eines Greifs, geprägt. Die Umrisse fand ich sehr spannend und arbeitete mit diesen auf verschiedene Arten digital. In der blauen Version nutzte ich eine stark herunterskalierte Textur der Klostermauer als eine Art Pinsel. Als Maskottchen könnte der Greif mit seinen facettenreichen Eigenschaften (von Vogel, Löwe, Pferd) die Vielfältigkeit der Veranstaltung repräsentieren.

In diesem ersten Abschnitt des Gestaltungsprozesses haben mich definitiv die Süd-West-Verbindung der Flügel und die überformte, fragmentierte Struktur des Gebäudes am meisten gepackt. Ich sah nicht nur einen Bezug zur Thematik der Ausstellung, sondern auch gestalterisch viel Potenzial, diese weiter auszuarbeiten. Festgehalten habe ich mich etwas an den Inschriften der Grabsteine. Diese fand ich sehr spannend und dachte zunächst, viel Potenzial in diesen zu sehen. Doch kam ich innerhalb des Prozesses nicht zu einem Ergebnis, mit dem ich mir vorstellen konnte, weiterzuarbeiten. Mit fehlte hierbei auch deutlich ein inhaltlicher Bezug. Auch mit den gebrochenen Schriftarten war es recht schwierig, umzugehen, da sie durch ihre Komplexität sehr viel visuelle Kapazität auf sich nahmen.